Bewegungen fotografisch einfangen

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Bewegung im Bild

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Wer bewegte Motive im Foto einfangen möchte, erlebt anfangs oft eine herbe Enttäuschung. Entweder sind die Bilder unscharf oder sie wirken nicht so dynamisch wie erhofft. Auch wenn Sie sich nicht für reine Sport- oder Actionfotografie interessieren, begegnet Ihnen das Grundproblem im fotografischen Alltag überall. Spielende Kinder, Hunde oder Radfahrer, die durch Ihr Bild fahren, sind genauso bewegte Motive wie fließendes Wasser oder Wellen in der Natur- und Landschaftsfotografie. All diese Situationen haben eine Gemeinsamkeit: Durch Bewegung entsteht Unschärfe, die Ihr Bild misslingen lässt, aber auch zu etwas Besonderem machen kann.

 

Gestochen scharf oder verwischt?

Es ist eine Besonderheit der Fotografie, dass man bewegte Objekte auf unterschiedliche Weise abbilden kann: gestochen scharf, teilweise oder ganz verwischt.

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Eingefrorene Bewegung: Die kurze Belichtungszeit sorgt für Schärfe, ist aber nicht der einzige Faktor für ein gelungenes Bild. Im richtigen Moment auslösen, richtig scharfstellen und eine interessante Bildaufteilung sind genauso wichtig. Optimale Lichtverhältnisse erhöhen die Erfolgschancen

 

Bei allen Motiven, in denen sich etwas bewegt, ist die Belichtungszeit (Verschlusszeit) der wichtigste Faktor für das Bildergebnis. Gestochen scharfe Bilder sind typisch für die klassische Sportfotografie. Damit ein entscheidender Moment oder eine besondere Phase der Bewegung im Foto eingefroren werden kann, muss die Belichtungszeit kurz, manchmal extrem kurz sein. Will man das genaue Gegenteil, also Bilder bei denen nur ein Teil des Motivs scharf abgebildet ist, arbeitet man mit längeren Belichtungszeiten. Die Automatik greift fast immer zu mittleren Werten, eine genaue Kontrolle des Bildergebnisses ist nicht möglich. Die Fotos sehen dann nicht richtig scharf aus, sind aber auch nicht so schlecht, dass man sie sofort löschen würde – ein fauler Kompromiss, der oft langweilig wirkt.

Bleibt der Verschluss der Kamera während der Aufnahme längere Zeit offen, kommt es neben dem Wischeffekt sehr leicht zur Verwacklung. Unscharfe Fotos sind oft eine Mischung aus beidem, Wischer und Wackler. Damit unscharfe Bilder schön aussehen, muss der Wischeffekt gezielt eingesetzt werden. Sogar ein völlig unbewegtes Motiv lässt sich malerisch verwischt abbilden, indem man die Kamera während der Aufnahme gezielt bewegt (Pseudo-Bewegung).

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Wischeffekt: Ein ähnliches Motiv wie oben aber völlig anders umgesetzt. Hier wurde die Kamera mitgezogen und nachträglich ein leichter Zoomeffekt hinzugefügt, um das Bild dynamischer wirken zu lassen. Mitzieher und Wischeffekte sind immer eine Alternative, wenn das Licht für ein eingefroren scharfes Foto nicht mehr ausreicht.

 

Eine weitere Technik, mit dem man die Dynamik eines Motivs betonen kann, ist der Zoomeffekt. Um ihn mit rein fotografischen Mitteln zu erzeugen, muss man während der Belichtung am Zoomring des Objektivs drehen, was ziemlich viel Geschick erfordert und meist ein Stativ erfordert. An vielen Kameras, z.B. Bridge- oder Kompaktmodellen lässt sich das Zoom während der Aufnahme gar nicht steuern. Deshalb entstehen die meisten Bilder, die mit solchen Effektenbeeindrucken, durch Nachbearbeitung am Computer.

 

Schritt 1: Treffen Sie eine Entscheidung

Wenn Sie ein bewegtes Objekt fotografieren wollen, reicht es nicht, einfach auf den Auslöser zu drücken. Im Vollautomatikmodus haben Sie keinerlei Einfluss auf die Kombination von Belichtungszeit, Blende und ISO-Wert – das Ergebnis ist vom Zufall abhängig. Darum sehen manche Bilder toll aus, andere überhaupt nicht. Was Sie brauchen ist eine Kameraeinstellung, mit der Sie die gewünschten Effekte wiederholbar machen können.

Wechseln Sie dazu in den Modus Tv/S und entscheiden Sie ganz bewusst, ob Ihr Foto gestochen scharf werden soll, oder ob Sie mit einem Wischeffekt arbeiten wollen.

Für eingefrorene Bewegungen benötigen Sie eine kurze Belichtungszeit, für Wischeffekte sind lange Belichtungszeiten nötig.

 

Was ist kurz, was ist lang?

Thema Bewegungsfotografie

 

Diese grundsätzlichen Zusammenhänge kennen Sie vielleicht schon, aber wie kurz oder wie lang muss man genau belichten, welche exakten Zeiten muss man einstellen, damit das Motiv wirklich so aussieht, wie man es haben möchte?

 

Die Antwort lautet wie so oft beim Fotografieren: Es kommt drauf an …

  • wie schnell sich das Motiv bewegt
  • wohin sich das Motiv bewegt (Bewegungsrichtung)
  • wie weit das Motiv von der Kamera entfernt ist
  • welche Brennweite Sie benutzen

 

Tipp für Einsteiger:

Sie können die Motivautomatik Sport/Action wählen oder ein entsprechendes Motivprogramm im Menü des Scene oder BestShot Modus. Hier arbeitet die Kamera i.d.R. mit kurzen Belichtungszeiten und ohne Blitz. Ob Ihre Aufnahmen mit diesen motivspezifischen Vollautomatiken gelingen, hängt trotzdem stark von der Aufnahmesituation ab, insbesondere von den Lichtverhältnissen. Es gibt leider viele Situationen, in denen man kein gestochen scharfes Foto von bewegten Motiven machen kann, einfach weil es zu dunkel ist. Innenräume, schummrige Sport- oder Reithallen sind die ungünstigsten Orte für Aufnahmen von bewegten Motiven und selbst für Profis eine Herausforderung. Wenn Sie Bewegungen sicher im Bild einfrieren wollen, machen Sie Ihre ersten Übungen bei hellem Tageslicht.

 

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Bildgestaltung: Das Einfrieren der Bewegung und eine Platzierung in der Bildmitte führen oft zu ungewollter Statik und Langeweile im Bild. Damit Ihre Sport- und Actionfotos dynamisch aussehen, ist es wichtig, einen entscheidenden Moment einzufangen. Hier spielt sich gerade der Höhepunkt eines Zweikampfs ab und die konzentrierten Gesichter richten sich auf den Ball. Achten Sie auch auf störende Elemente im Hintergrund!

 

Steuern Sie die Belichtungszeit!

Der Modus Tv/S ist eine sogenannte Halbautomatik, d.h. Sie geben vor, welche Belichtungszeit die Kamera verwenden soll. Die Einstellungen für die Blende und den ISO-Wert steuert die Kamera dann (halb)automatisch bei. Es genügt also nicht, das Einstellrad nur in die Stellung Tv/S zu drehen, Sie müssen zusätzlich die gewünschte Belichtungszeit einstellen.

 

Um Bewegung einzufrieren, drehen Sie den Wert auf 1/250 s bis 1/1000 s.

Wenn Sie noch wenig Erfahrung mit Belichtungszeiten haben, können Sie sich folgende Werte zur Orientierung einprägen:

  • Spaziergänger ca. 1/125 s
  • Jogger ca. 1/250 s
  • Radfahrer, Kinder 1/500 s oder kürzer
  • Hunde in Bewegung: 1/1000 s oder kürzer
  • Je näher ein bewegtes Objekt ist, desto kürzer muss die Belichtungszeit sein.

 

Am einfachsten ist es, wenn sich das Motiv in Richtung Kamera bewegt. Bewegungen an der Kamera vorbei erfordern ggf. kürzere Zeiten!

Die Belichtungszeit ist nur ein Faktor für ein scharfes Bild. Der Autofokus muss ebenfalls richtig eingestellt werden. Spezielle Autofokus-Modi (z.B. AF-F oder AFC bzw. AI-SERVO) messen beim Antippen des Auslösers die Entfernung zum Motiv, errechnen die Geschwindigkeit und regeln die Schärfe bis zur Auslösung automatisch nach.

Eine weitere wichtige Einstellung für schnell bewegte Motive ist die Serienbildfunktion. Mit mehreren Bildern pro Sekunde schießt die Kamera eine ganze Aufnahmeserie, aus der Sie hinterher das beste Bild aussuchen können.

 

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Vorsicht! Mit dem Serienbildmodus entstehen innerhalb weniger Minuten manchmal mehrere hundert Fotos! Die Speicherkarte wird schnell voll und die Ausbeute ist oft gering. Löschen Sie konsequent misslungene Bilder.

 

Ein Wort zur Auflösung und Bildqualität: Wenn Sie im Rohdatenformat fotografieren, schafft die Kamera nicht so viele Bilder pro Sekunde wie im komprimierten JPG-Format. Manche Serienbildfunktionen arbeiten generell nur im JPG-Modus, und in extrem schnellen Modi wird sogar die JPG-Größe auf ein schmerzhaft kleines Miniformat reduziert. Klären Sie vorher, was Ihre Kamera in welcher Einstellung liefert, damit Sie hinterher nicht frustriert sind, weil Ihr gelungenstes Superfoto gerade mal im Format 10×15 cm gedruckt werden kann!

Deaktivieren Sie die Einstellung RAW+JPG, weil das Speichern sehr lange dauert. Eine Speicherkarte mit schneller Schreibgeschwindigkeit ist ein Muss, wenn Sie die Serienbildschaltung sinnvoll nutzen wollen.

 

Technische Grenzen

Bei bewegten Motiven muss die Kamera möglichst schnell wieder schussbereit sein. Einfache Kompaktkameras und Handys erfüllen diese Anforderung nicht oder nur sehr bedingt. Wenn es auch noch eine Auslöseverzögerung gibt, wird es sehr schwierig, bewegte Motive überhaupt zu erwischen. Der einzige Tipp für preiswerte Minikompakte lautet daher: Halten Sie den Auslöser am Druckpunkt, um die Schärfe vorab einzustellen und drücken Sie den Auslöser kurz vor dem Moment, in dem die Bewegung ihren Höhepunkt erreicht. Wenn Ihnen das Fotografieren von bewegten Motiven Spaß macht, achten Sie beim Kamerakauf darauf, dass Ihr Wunschmodell schnell und sicher scharfstellt und über einen schnellen Serienbildmodus (RAW) verfügt.

 

Bewegung einfrieren – das Wesentliche in Kurzform:

  • Benutzen Sie den Modus Tv/S
  • Je kürzer Sie die Belichtungszeit einstellen, desto sicherer gelingt das Einfrieren der Bewegung im Bild.
  • Suchen Sie Motive, die gut beleuchtet sind
  • Geben Sie der Kamera über die ISO-Automatik mehr Spielraum oder erhöhen Sie den ISO-Wert, wenn Ihre Fotos zu dunkel werden
  • Verwenden Sie den Autofokusmodus für bewegte Motive
  • Nutzen Sie die Serienbildfunktion
  • Achten Sie auf die Bildgestaltung: Vermeiden Sie störende Elemente im Hintergrund und versuchen Sie, Ihr Motiv nach den gängigen Gestaltungsregeln zu platzieren. Eine mittige Anordnung ist einfacher beim Scharfstellen, nimmt dem Motiv aber viel Dynamik.
  • Fotografieren Sie mit möglichst hoher Auflösung, damit Sie den Bildausschnitt nachträglich noch optimieren können.

 

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Hund jagt Ball: Für gestochen scharfe Bilder stellen Sie eine kurze Belichtungszeit (z.B. 1/1000 s) ein. Bei einem hellen Hintergrund wie hier am Strand ist eine Belichtungskorrektur nach Plus ratsam. Der Autofokus muss das bewegte Motiv nicht nur treffen sondern auch verfolgen und die Schärfe nachführen: Wählen Sie die passende AF-Betriebsart für bewegte Motive. Mit einer schnellen Serienbildschaltung erhöhen Sie Ihre Chancen auf einen fotografischen Volltreffer

 

Fallstrick Unterbelichtung: Foto-Grundwissen für Unerfahrene

Wenn Sie an einem trüben Tag oder in der Dämmerung fotografieren, reicht die Helligkeit nicht aus, um so kurze Belichtungszeiten zu verwenden. Sie können die Kamera zwar jederzeit auf 1/1000 s einstellen, aber das hat weitreichende Folgen.

Drehen Sie am Einstellrad und beobachten Sie im Sucher oder am Monitor, wie sich die Zahlenangaben für die drei wichtigen Aufnahmeparameter (Zeit, Blende, ISO-Wert) ändern. Zeit, Blende und ISO-Wert sind voneinander abhängig.

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Je kürzer Sie die Belichtungszeit wählen (1), desto weiter öffnet sich die Blende (2) und der ISO-Wert geht automatisch nach oben. Falls Sie den ISO-Wert von Hand regeln und z.B. auf ISO 100 fest eingestellt haben (3), kann Ihre Kamera nur noch den Blendenwert automatisch steuern. Dabei gibt es technische Grenzen. Je nach verwendetem Objektiv und Zoomstellung kann Ihre Kamera die Blende nur bis zu einem bestimmten Wert öffnen. Bei lichtstarken und sehr hochwertigen Zoomobjektiven ist dieser Wert maximal f2,8. Bei preiswerteren Objektiven kann die maximale Blendenöffnung f5,6 oder nur f6,3 betragen, d.h. die Lichtausbeute ist geringer und Ihr Foto wird eher unterbelichtet.

 

Manche Einsteiger wechseln in den Modus M, um unabhängig von jeder Automatik Zeit, Blende und ISO-Wert nach freiem Gutdünken einzustellen. Man kann die Kamera auf diesem Weg theoretisch richtig einstellen, aber die reale Aufnahmesituation verlangt meist nach etwas anderem. Die Kameraeinstellungen, egal in welchem Modus, müssen zwei Bedingungen erfüllen: die Absicht des Fotografen (z.B. Bewegung einfrieren) soll umgesetzt werden, aber die vorherrschenden Lichtverhältnisse sind ebenfalls zu berücksichtigen. Manchmal sind Kompromisse möglich, aber manchmal lässt sich der gewünschte Effekt nicht erzielen. Der limitierende Faktor ist und bleibt das Licht.

 

Bewegung und Blitzlicht

Die klassische Sportfotografie muss generell ohne Blitz auskommen, weil das helle Licht die Sportler stören würde. Trotzdem sieht man viele Aufnahmen, die ganz offensichtlich mit Blitz gemacht wurden. Die Mischung aus Tages- und Blitzlicht erzeugt einen ganz typischen Charakter im Bild, ist aber nicht ohne größeren Aufwand und Hintergrundwissen zu bewerkstelligen.

Solche Actionbilder werden immer inszeniert, d.h. die Bewegung wird so oft und so lange wiederholt, bis das Foto perfekt im Kasten ist.

Oftmals kommen leistungsstarke Blitzanlagen zum Einsatz, die in der Lage sind, ein Motiv im Freien hell genug auszuleuchten. Mit leistungsstarken Kompaktblitzen sind solche Bilder durchaus möglich. Dazu werden meist mehrere Blitzgeräte entfesselt eingesetzt, befinden sich also nicht auf der Kamera, sondern werden in der Nähe des Motivs aufgestellt und drahtlos gezündet. Dadurch ist eine schönere Ausleuchtung möglich, weil das Licht nicht von vorne sondern aus einer seitlichen Richtung aufs Motiv trifft.

 

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Bewegung einfrieren mit dem Blitz: Das ist möglich, erfordert aber mehr als nur eine Kamera mit eingebautem Blitzgerät.

 

Wenn Sie mit Ihrer Kamera bewegte Motive mit eingebautem oder aufgestecktem Blitz fotografieren, verändert die Belichtungszeit das Aussehen der Bilder sehr stark. Kombiniert man eine kurze Verschlusszeit mit dem Blitz, wird das Umfeld des Motivs dunkler abgebildet, manchmal wird es fast schwarz. An den meisten Kameras ist 1/250 s die kürzeste Zeit, die in Kombination mit dem Blitz eingestellt werden kann. Ausnahme ist die sogenannte Kurzzeitsynchronisation, die sich an hochwertigen Kameras mit externen Blitzgeräten übers Menü einstellen lässt.

Für hellere Bilder mit einer ausgewogenen Abstimmung von Umgebungslicht und Blitzlicht muss es entweder noch relativ hell sein, oder Sie müssen die Belichtungszeit verlängern. Manche Blitzbilder, die aussehen als wären sie am späten Abend oder nachts gemacht, sind bei Tageslicht entstanden!

 

Wischeffekte gezielt einsetzen

Bewegung sieht im Foto oft dynamischer aus, wenn Sie einen Wischeffekt zulassen. Der Gegensatz zwischen dem statischen Umfeld und den verwischten bewegten Objekten ist besonders reizvoll, wenn Sie eine Szene fotografieren, die auch sonst gestalterisch reizvoll ist. Das London-Motiv am Anfang dieses Artikels ist ein solches Beispiel. Die typische Sehenswürdigkeit im Hintergrund ist unbewegt und bleibt scharf, während sich die bewegten Elemente ganz bzw. teilweise in Unschärfe auflösen. Solche Bilder lassen sich nicht 1:1 wiederholen, darum können Sie mit dieser Technik wirklich ungewöhnliche und sehr individuelle Urlaubsfotos aufnehmen.

 

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Unbewegte Kamera, bewegtes Motiv: Mit aufgelegter Kamera oder mit Stativ können Sie auch lange Belichtungszeiten wagen. Schon bei etwa einer Sekunde fangen Personen an, sich aufzulösen. Die Effekte variieren mit der Bewegungsgeschwindigkeit und mit dem Abstand zum Motiv. Experimentieren Sie mit unterschiedlichen Zeiten. Stellen Sie auf den Boden scharf und deaktivieren Sie den Autofokus für solche Bilder.

 

Stellen Sie eine längere Belichtungszeit ein, z.B. 1/30 bis 1/10 s oder sogar noch länger. Auch das erreichen Sie mit dem Modus Tv/S. Bei langen Verschlusszeiten besteht Verwacklungsgefahr, d.h. hier ist ein Bildstabilisator sehr nützlich. Je nachdem wie ruhig Sie die Kamera halten können, gelingen damit die gewünschten Bildeffekte: Vorbeigehende Passanten oder Fahrzeuge verwischen ganz oder teilweise. Experimentieren Sie mit unterschiedlichen Belichtungszeiten und arbeiten Sie ggf. mit dem Stativ oder mit aufgelegter Kamera. In diesem Fall muss der Bildstabilisator abgeschaltet werden. Wichtig für eine gelungene Gestaltung ist, dass es im Motiv einen Blickfang gibt. Im Beispielmotiv unten links ist der rote Schuh scharf und er befindet sich in der Nähe des Goldenen Schnitts.

 

Eine andere Variante sieht man ebenfalls häufig: Fotograf und Motiv bewegen sich, z.B. auf einem Ketten- oder Kinderkarussell. Damit die abgebildete Person scharf abgebildet wird, muss die Belichtungszeit so kurz sein, dass man sie noch aus der Hand halten kann. Gleichzeitig muss sie aber auch so lang sein, dass der Hintergrund verwischen kann – eine Gratwanderung. Je schneller sich das Karussell dreht, desto stärker verwischt das Umfeld. Bei einem Kettenkarussell haben Sie keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit, dort können Sie nur die Belichtungszeit verlängern und versuchen, die Kamera so ruhig wie möglich zu halten. An trüben Tagen und in der Dämmerung gelingen solche Bilder leichter als bei prallem Sonnenschein.

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Bewegung mit dem Motiv: Einstiegswert: 1/30 s. Wenn man den Wischeffekt nicht gut sieht, drehen Sie das Karussell schneller oder verlängern Sie die Belichtungszeit auf 1/15 s bis 1/10 s.

 

Mitzieher aufnehmen

Beim sogenannten Mitzieher bewegt sich nicht nur das Motiv, sondern auch die Kamera. Typischerweise verschwimmt der Hintergrund in Unschärfe, während das bewegte Motiv ganz oder zumindest in Teilen scharf ist.

Diese Technik lässt sich hervorragend einsetzen, wenn es für das Einfrieren der Bewegung schon zu dunkel ist. Sie können mit einem relativ niedrigen ISO-Wert fotografieren, weil Sie die Belichtungszeit zum Mitziehen ohnehin verlängern müssen. Auch hier gilt: je nach Motiv gelingen Mitzieher mit unterschiedlichen Belichtungszeiten. Für ein Auto oder Motorrad in voller Fahrt sind vielleicht nur 1/125 s nötig: Mit einem Teleobjektiv gelingen solche Mitzieher auch bei kürzeren Belichtungszeiten. Für einen Radfahrer in fünf bis zehn Metern Entfernung sind 1/25 s bis 1/10 s gute Einstiegswerte, wenn Sie ein Weitwinkel- oder Normalobjektiv benutzen (18-55 mm). Je weiter Sie vom Motiv entfernt sind, desto schwieriger wird das Mitziehen.

 

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Große Entfernung, lange Brennweite: Bei Motorrad- oder Autorennen sind Mitzieherfotos an der Tagesordnung. Durch die lange Telebrennweite und die hohen Geschwindigkeiten verwischt der Hintergrund auch bei kürzeren Belichtungszeiten. Es ist einfacher, Mitzieher aus geringerem Abstand und mit Belichtungszeiten zwischen 1/50 bis 1/10 s zu fotografieren. Wichtig ist vor allem, dass Sie die Kamera beim Auslösen mit dem Motiv mitbewegen.

 

Die Technik müssen Sie ein bisschen üben, aber es macht Spaß und lohnt sich. Wichtig ist, dass sich Ihr Motiv auf einer geraden Linie und mit gleichbleibender Geschwindigkeit an der Kamera vorbei bewegt. Mitzieher funktionieren nicht, wenn das Motiv einen Haken schlägt oder in Richtung Kamera unterwegs ist.

Damit Ihr Mitzieher gelingt, gehen Sie wie folgt vor:

  • Stellen Sie die Kamera im Modus Tv/S auf die passende Belichtungszeit ein
  • Aktivieren Sie die Autofokus-Betriebsart für bewegte Motive
  • Richten Sie Ihre Kamera auf das herannahende Objekt und drücken Sie den Auslöser bis zum Druckpunkt durch, ohne auszulösen
  • Verfolgen Sie das Motiv mit der Kamera, bis es sich an der optimalen Stelle befindet
  • Lösen Sie aus und folgen Sie dem Motiv in der Bewegung weiter, damit kein abrupter Ruckler entsteht.

 

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Um die Ecke gewischt? Oft sind solche Bilder keine echten Mitzieher sondern mit Photoshop „dynamisiert“. Ihre mitgezogenen Fotos gelingen, wenn sich das Motiv in gerader Linie und mit gleichmäßiger Geschwindigkeit an der Kamera vorbei bewegt. Versuchen Sie das wichtigste Element – z.B. das Gesicht – scharf abzubilden. Das gelingt nicht beim ersten Mal. Geben Sie nicht zu früh auf – Übung macht den Meister.

 

Fallstrick Überbelichtung

Zu viel Licht gibt es beim Fotografieren nur selten, aber gerade wenn man Wischeffekte liebt, muss man die Blende der Kamera weit schließen können. Dies gilt insbesondere für Aufnahmen in heller Umgebung. An einem sonnigen Tag kann es schon zu hell sein, um mit 1/15 s Fotos zu machen! Wenn Sie im Modus Tv/S bemerken, dass der Blendenwert im Sucher oder am Monitor blinkt, versucht Ihre Kamera Sie darauf aufmerksam zu machen, dass eine korrekte Belichtung des Bildes nicht möglich ist. Prüfen Sie zuallererst, ob Sie den ISO-Wert noch weiter reduzieren können. In den Systemeinstellungen vieler Kameras gibt es häufig einen Menüpunkt für die ISO-Erweiterung. Damit lässt sich der ISO-Bereich nicht nur erhöhen sondern auch leicht verringern (ISO 64 – 50).

Bei Edelkompakt- und Bridgekameras, die sonst kaum Wünsche offen lassen, kann man oft nur maximal Blende 8 einstellen. Dies entspricht zwar einem Blendenwert von 22 an einer DSLR, aber in der Praxis stößt man an eine Grenze. Langzeitbelichtungen bei Tageslicht sind mit diesen Kameratypen nur möglich, wenn man ein ND-Filter (Graufilter) verwendet.

 

Pseudo-Bewegung

Bei der sogenannten Pseudo-Bewegung wird ein unbewegtes Motiv im Foto mit einem Wischeffekt abgebildet. Der Trick dabei ist, dass man die Kamera im Modus Tv/S auf eine lange Belichtungszeit einstellt, und sie während der Belichtung bewegt. Für das Vorgehen gibt es unterschiedliche Methoden: Einige Fotografen arbeiten mit Belichtungszeiten von einer Sekunde und länger. Dabei muss die Kamera eher langsam und trotzdem möglichst gleichmäßig bewegt werden. Dadurch entstehen eher zittrige Linien, die man nur vermeiden kann, wenn man viel übt oder ein Stativ zur Stabilisierung benutzt. Deshalb bevorzuge ich Belichtungszeiten von ¼ bis etwa ½ Sekunde und bewege die Kamera sehr schnell, ja sogar ruckartig. Welche Methode Sie bevorzugen, werden Sie herausfinden, wenn Sie es einfach mal ausprobieren. Besonders schön werden die Bilder, wenn man auch hier einen Teil des Motivs noch erkennen kann. Orientieren Sie sich mit der Bewegungsrichtung an dominanten Linien im Motiv. Im hier gezeigten Beispiel waren es die vertikalen Linien der Baumallee, denen ich mit der Kamera beim „Hochziehen“ gefolgt bin.

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Statisches Motiv – bewegte Kamera: Mit einer Belichtungszeit von 1/6 s (ISO 100, Modus Tv/s) verwischen die Bäume und das Gebäude. An trüben Tagen oder in der Dämmerung sind solche Aufnahmen problemlos möglich, auch mit Kompaktkameras und manchmal sogar mit der Automatik. Achten Sie auf die angezeigte Belichtungszeit. Wenn diese länger ist als 1/10 s, sind verwacklungsfreie Aufnahmen sowieso kaum möglich. Dann können Sie durch ein starkes „Verreißen“ der Kamera solche Wischeffekte überall erzeugen.

 

Mit dem Wissen aus diesem Artikel müssen Sie sich beim nächsten Fotospaziergang keine Gedanken mehr darum machen, ob Sie Bewegungen einfangen können oder nicht. Sie können es auf jeden Fall. Wenn es trüb und dunkel ist experimentieren Sie mit Wischeffekten, wenn es hell und sonnig ist, frieren Sie Bewegung ein! Ihre zentrale Schaltstelle dafür ist immer der Modus Tv/S bzw. die Belichtungszeit.

Viel Spaß beim Experimentieren!

 

Grundlegende Zusammenhänge in der Übersicht

Die Grundlagen zwischen Zeit, Blende und ISO-Wert können Sie im Artikel Kleine Tipps – Große Wirkung  nachlesen. Eine sehr schöne Übersicht in Scheckkartengröße gibt es kostenlos zum Herunterladen bei hamburger-fotospots.de (http://blog.hamburger-fotospots.de/kostenloser-download-foto-cheatcard-fuer-fotografen/)

 


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