Sahneweicher Hintergrund: So entsteht Bokeh beim Fotografieren oder am Computer

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Mit diesen Tipps und Tricks erzeugen Sie den beliebten fotografischen Effekt

Bei Portrait, bei Modestrecken und Foodfotos ist der Effekt wichtig: Der Hintergrund soll unscharf und stimmungsvoll verschwimmen. Dann wirkt das Bild eleganter und das Hauptmotiv hebt sich eindrucksvoll heraus. Unser Beitrag sagt, was Sie beachten müssen – beim Fotografieren und bei der Bildbearbeitung.
 
Den Effekt sieht man vor allem bei Portrait- und Modefotos, aber auch in Bildern von Essen und Trinken, von Blüten und generell bei Nahaufnahmen: Gemeint ist die sahneweiche Unschärfe hinter dem Hauptmotiv, die seit einigen Jahren mit dem japanischen Wort Bokeh bezeichnet wird. Diese Unschärfe sieht ansprechend aus und sie isoliert das Hauptmotiv sehr schön vom Hintergrund.
Das Bestreben der meisten Fotografen: Der Hintergrund sollte möglichst unscharf werden, und diese Unschärfe soll auch noch elegant aussehen. Diese Hintergrundunschärfe erzeugen Sie wahlweise direkt beim Fotografieren oder aber nachträglich in der Bildbearbeitung am Computer. Beide Möglichkeiten lernen Sie in diesem Beitrag kennen.
 

Frau mit Kind Bokeh Foto
Der Hintergrund erscheint angenehm verschwommen, helle Punkte bilden Unschärfekreise – das ist das typische Bokeh.

Die wichtigsten Regeln bei der Kameratechnik

Sie wollen stimmungsvolle Hintergrundunschärfe direkt beim Fotografieren erzeugen und wissen nicht genau, welche Kamera mit welcher Einstellung sich am besten eignet? Dies sind die Faustregeln für starkes Bokeh (vereinfacht):

  • Mit großen Kamerasensoren entsteht mehr Bokeh als mit kleineren Sensoren. Eine dicke Vollformat-Spiegelreflexkamera (zum Beispiel Nikon D750, Canon Eos 6D oder Sony Alpha 7R) hat also mehr Bokeh-Potential als eine Kamera mit APS-C-Sensor; Kompaktkameras mit kleinem Sensor liefern noch weniger Bokeh, eigentlich nur noch bei Nahaufnahmen.
  • Teleobjektive haben mehr Bokeh-Potential als Weitwinkelobjektive. Wollen Sie Ihr Motiv vor unscharfem Hintergrund herausheben, wählen Sie mindestens eine Normalbrennweite, besser eine leichte oder starke Teleeinstellung.
  • Je offener die Blende, desto unschärfer erscheint der nicht scharfgestellte Hintergrund. Blende 1,4 oder 2,8 liefern gutes Bokeh. Blende 8 oder 16 zeigen den Hintergrund dagegen viel schärfer.

 
Diese drei Faustregeln gelten auch kombiniert: Das stärkste Bokeh entsteht per Vollformatkamera mit einem starken Teleobjektiv, das Sie mit Offenblende nutzen, zum Beispiel mit Blende 2,8.
 
Bei Modeaufnahmen, die draußen und nicht im Studio stattfinden, sehen Sie genau das: Die Profis fotografieren mit Vollformatkameras und nutzen oft ein starkes Teleobjektiv mit 300 Millimeter Brennweite und weitester Blende 2,8. Das Objektiv allein kostet zwar je nach Hersteller 2500 bis 6000 Euro und wiegt rund zweieinhalb Kilo – aber so verschwimmt der Hintergrund perfekt, die Fotomodelle und ihre Kleidung heben sich deutlich ab. Ebenfalls beliebt und immer noch Garanten für gutes Bokeh sind Zooms mit 70-200 Millimeter Brennweite bei Blende 2,8 – sie wiegen rund 1,5 Kilo und kosten 800 bis 2000 Euro.
 

Model Bokeh Foto
Modefotografen erzeugen Bokeh mit Teleobjektiven und offener Blende. Die Modelle heben sich damit gut vom Hintergrund ab.

 

Auf die Details kommt es an

Allerdings: Gute technische Daten sind nicht alles. So hat eine Kamera vielleicht einen großen Sensor, aber ein lichtschwaches Objektiv. Da liefert dann eine andere Kamera mit kleinerem Sensor mehr Unschärfe, sofern das Objektiv eine deutlich weiter geöffnete Blende besitzt (zum Beispiel Blende 1,8 statt 3,3).
 
Und auch die genaue Art der Unschärfe wird unter Fotofreunden intensiv diskutiert: Die entstehenden Unschärferinge fallen je nach Optik kreisförmig, oval oder eckig aus. Kreisförmig gilt als erstrebenswert. Die Objektivhersteller unterstützen diesen Trend durch Objektivblenden mit neun statt sechs Lamellen – das vermeidet eckige Unschärferinge. Je nach Objektiv entsteht um den Unschärfering herum zudem noch eine helle Kontur, die viele Bildgestalter gerne vermeiden würden.
 

Taxi in Dämmerung Bokeh Foto
Bei Nachtaufnahmen mit punktuellen Lichtquellen fallen die Unschärfekreise besonders deutlich aus, wenn auch hier nicht perfekt rund.

 

Vorsicht bei der Blendenwahl

Wer Kamera und Objektiv schon hat, beeinflusst die Unschärfe nur noch mit der Blende. Schalten Sie die Kamera zum Beispiel auf Zeitautomatik; die Funktion heißt auch Blendenvorwahl und wird auf dem Drehschalter der Kamera meist mit A bezeichnet. Nun legen Sie die Blende von Hand fest, die Kamera errechnet dazu automatisch die passende Belichtungszeit.
Für maximales Bokeh stellen viele Fotografen die am weitesten offene Blende ein, je nach Objektiv zum Beispiel 1,4, 1,8, 2,8 oder 3,3. Allerdings: Bei ganz geöffneter Blende bieten die meisten Objektive nicht ihre volle Leistung. So erscheint zum Beispiel das ohnehin scharfgestellte Hauptmotiv noch etwas schärfer, wenn Sie nicht mit größtmöglicher Blende fotografieren. Für beste Schärfe im Hauptmotiv sollten Sie die Blende oft etwas schließen, zum Beispiel von 1,4 auf 2,0 oder von 2,8 auf 4,0.
 
Und nicht nur die Bildschärfe leidet bei komplett geöffneter Blende. Bei ganz geöffneter Blende entstehen auch andere Fehler wie etwa Randabschattung (Vignettierung) oder störende Farbsäume (chromatische Aberration). Eventuell wirkt bei Offenblende sogar die komplette Aufnahme ein bisschen weich und kontrastarm. Es gibt Objektive mit Riesenblenden wie 1,2 oder sogar 0,95 – das verspricht zwar starken Bokeh-Effekt, doch die Gesamtschärfe enttäuscht bei Maximalblende, so dass man doch etwas abblenden muss.
 
Bietet Ihre Kamera keine Blendenvorwahl, erreichen Sie eine weit offene Blende für gutes Bokeh auch mit Motivprogrammen für Sport oder Portrait. Stellen Sie die Kamera dagegen auf Landschaft oder Architektur, blendet das Gerät meist ab und erzeugt einen relativ detailreichen Hintergrund.
 

Bokeh Kamera Varianten hoch
Die Szene wurde mit den Blenden 2,8 (oben links), 5,6, 11 und 22 (unten rechts) fotografiert – Vordergrund und Hintergrund werden immer schärfer.

 

Der Bildaufbau entscheidet mit

Über schön unscharfen Hintergrund entscheiden nicht nur Objektiv und Kamera – wichtig ist auch der Bildaufbau: Erzeugen Sie viel Abstand zwischen Hauptmotiv und Umgebung. Entfernen Sie zum Beispiel Ihr Portraitmodell weiter von einer Wand oder von Pflanzen – der Hintergrund wirkt dann im Foto unschärfer. Auch bei Makrofotos ordnen Sie Kamera oder Motive so anordnen, dass der Hintergrund möglichst weit weg erscheint.
 
Und: Besonders reizvoll wirkt Unschärfe, die durch Unschärferinge aufgelockert wird. Diese Unschärferinge entstehen besonders bei hellen Lichtpunkten in dunkler Umgebung. Schönes Bokeh erhalten Sie also zum Beispiel in diesen Situationen:

  • Lichter in der Nacht
  • Lichtreflexe auf Wasser, Glass oder Metall

 
Testen Sie generell verschiedene Anordnungen und Kamerapositionen. Prüfen Sie auch, wie sich die Unschärferinge verändern, wenn Sie leicht abblenden (zum Beispiel von 2,8 auf 4,0).
Weitere Möglichkeiten für gezielt verteilte Unschärfe bieten Spezialobjektive, zum Beispiel Tilt-Shift-Optiken, die ursprünglich für unverzerrte Architekturfotos gedacht waren, oder günstige Effektobjektive wie Lensbaby.
 

5-varianten-bokeh-hoch
Links: Der Hintergrund wirkt langweilig. Mitte: Der Hintergrund wurde mit einem üblichem Weichzeichner, dem „Gaußschen Weichzeichner“ abgesoftet. Rechts: Dieser viel interessantere Bokeh-Effekt entstand mit der Weichzeichnergalerie aus Photoshop CS6 und Photoshop CC.

Effekte per Computerprogramm

Sie können die Unschärfe auch nachträglich mit einem Bildprogramm am Computer erzeugen. Das Verfahren in der Bildbearbeitung wirkt zunächst übersichtlich:

  1. Sie wählen den Hintergrund um das Hauptmotiv herum aus, zum Beispiel mit Zauberstab oder Schnellauswahl-Werkzeug.
  2. Sie lassen einen Weichzeichner-Filter über den ausgewählten Hintergrund laufen.

 
Doch ganz so leicht ist es nicht: Bei manchen Hintergründen ändert sich der Abstand zum Hauptmotiv über die Bildfläche hinweg, zum Beispiel bei einer seitlich mitfotografierten Wand. In diesem Fall müssen Sie im Bildprogramm einen sogenannten Alphakanal mit einem Graustufenverlauf anlegen. Der Verlauf steuert, wie stark die Weichzeichnung in welcher Bildregion ausfällt.
 
Und: Ein üblicher Weichzeichner wie der bekannte „Gaußsche Weichzeichner“ erledigt die Aufgabe nicht gut. Der Hintergrund verschwimmt zwar; aber das Ergebnis wirkt lasch, vor allem weil dieser Weichzeichner Lichter verschluckt und so den Kontrast senkt.
Darum sollten Sie am Computer einen speziellen fotografischen Weichzeichnereffekt verwenden, zum Beispiel das spezialisierte Exposure 6 des Herstellers Alien Skin mit seiner Bokeh-Funktion (149 US-Dollar, online). Und Photoshop liefert schon lange im Menü „Filter, Weichzeichnungsfilter“ den Befehl „Objektivunschärfe“. Er hieß früher irreführend „Verwackeln“ und taucht unter diesem unpassenden Namen auch bei Photoshop Elements auf.
 
Die Funktion „Objektivunschärfe“ oder „Verwackeln“ ist besser als der „Gaußsche Weichzeichner“. Unter anderem kann man die Zahl der Blendenlamellen steuern, die Überbelichtung in Unschärferingen und die simulierte Brennweite. Doch überragende Ergebnisse entstehen damit nicht.
 

Photoshop Weichzeichner Bokeh
Die Weichzeichnergalerie von Photoshop CS6 oder Photoshop CC erzeugt exzellentes Bokeh mit schönen Unschärfekreisen. Den Effekt steuern Sie vor allem mit den Reglern „Bokeh-Lichter“ und „Helligkeitsbereich“.

Schönes Bokeh mit der Weichzeichnergalerie

Exzellente Bokeh-Ergebnisse erhalten Sie dagegen mit Photoshop CS6 von 2012 (einmalig 37 Euro) oder mit dem aktuellen Photoshop CC (nur im Abo, ab 144 Euro pro Jahr). Dort öffnen Sie das Untermenü „Filter, Weichzeichnergalerie“. Es spielt keine Rolle, welchen der nun angebotenen Befehle Sie nehmen, wir testen die Funktion hier mit „Tilt-Shift“.
Heben Sie den „Weichzeichnen“-Wert oben rechts deutlich an, zum Beispiel auf 130 Pixel, so dass Sie einen starken Effekt erkennen. Anschließend erschieben Sie die Linien über dem Bild, bis die gewünschten Bildzonen verschwimmen.
 
Der Trick kommt erst jetzt: Sie nutzen innerhalb des Dialogfelds den Bereich „Weichzeichnungseffekte“. Den gibt es nicht nur für die hier gewählte „Tilt-Shift“-Variante, sondern auch für andere Funktionen der Weichzeichnergalerie, also etwa für „Feld-Weichzeichnung“ und „Iris-Weichzeichnung“.
Innerhalb der Weichzeichnungseffekte heben Sie den Wert „Bokeh-Lichter“ stark an, auf 55 Prozent. Die hellen Bildbereiche fressen nun erst einmal völlig aus, denn der Regler „Helligkeitsbereich“ zeigt ja auch den Abschnitt von 191 bis 255 an, also ganz helle Bildpunkte. Diese Werte ändern Sie jetzt: Stellen Sie als „Helligkeitsbereich“ zum Beispiel 138 bis 141 ein. Damit erscheinen schöne Weichzeichnerkreise in den Mitteltönen und die Lichter erscheinen nicht mehr übertrieben.
Jetzt haben Sie viele Möglichkeiten zum Experimentieren: Verschieben, verkleinern oder erweitern Sie den „Helligkeitsbereich“ und ändern Sie auch den Wert „Bokeh-Lichter“. Dabei gilt der Grundsatz: Je höher der Wert „Bokeh-Lichter“ steigt, desto enger müssen Sie den „Helligkeitsbereich“ fassen – bei einem „Bokeh-Lichter“-Wert von 70 Prozent vielleicht nur noch von 136 bis 137.
Der Regler „Bokeh-Farbe“ erzeugt mehr Farbsättigung in den Bokehkreisen. Das wirkt manchmal attraktiv in Kunstlichtaufnahmen, zum Beispiel in nächtlichen Städten. Bei reinen Tageslichtfotos erscheint angehobene Sättigung übertrieben.
 
Sie sehen also, wie Sie zauberhaftes Bokeh erzeugen – direkt beim Fotografieren oder nachträglich am Computer. Ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt.