Fotos ohne Menschen

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Bestimmt passiert Ihnen das öfter, wenn Sie mit der Kamera unterwegs sind: Sie haben ein Motiv entdeckt, das Sie unbedingt fotografieren möchten. Nur leider läuft ständig jemand durch das Bild und verdeckt einen Teil oder lenkt davon ab. Oftmals stören auch noch andere Objekte wie Autos, Fahrradfahrer und manchmal sogar Flugzeuge oder Schiffe, die durch das Bild fliegen oder fahren. Am liebsten hätten Sie das Motiv jedoch mit möglichst wenigen oder sogar ohne Menschen und Fahrzeugen.

Doch ist das überhaupt möglich? Falls ja, wie können Sie das erreichen?

Ja, es ist möglich und es gibt sogar mehrere Wege ein Bild ohne Menschen zu erhalten. Einzige Voraussetzung ist, dass sich die Menschen und Fahrzeuge bewegen und nicht längere Zeit still sitzen oder stehen. Sonst ist es je nach Situation nur sehr schwer diese nachträglich zu entfernen. Für die meisten der folgenden Tipps sollten Sie idealerweise ein Stativ verwenden. Den Grund dafür erfahren Sie im jeweiligen Abschnitt.

 

Zu einer anderen Uhrzeit wiederkommen

Eine der einfachsten Möglichkeiten ist es, zu einer Uhrzeit zu kommen, wenn das Motiv nicht so stark besucht ist und wenn wenig Verkehr herrscht. Dies kann zum Beispiel ganz früh morgens oder spät abends sein, sofern es dann vom Licht her passt. Das hängt allerdings sehr davon ab, um was für ein Motiv es sich handelt. Auch die Jahreszeit spielt eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Im Sommer wird es zum Beispiel sehr früh hell und die Chancen stehen gut, noch vor dem ersten Ansturm vor Ort zu sein. Anders im Winter, wenn es erst spät hell wird und bereits mehr Menschen ausgeschlafen sind und ebenfalls die Idee hatten früh loszuziehen.

Ein weiterer Vorteil sehr früh morgens oder spät am Abend unterwegs zu sein, ist die Qualität des Lichts. Zu diesen Zeiten ist es nicht so hart wie tagsüber, vor allem in den Sommermonaten ist dies ein unschätzbarer Vorteil.

Diese Aufnahme des Brandenburger Tores entstand Ende März früh morgens kurz vor Sonnenaufgang, als noch keine Menschen-Seele unterwegs war. So konnte ohne weitere Tricks eine Aufnahme ohne Menschen angefertigt werden. Tagsüber oder abends wäre das undenkbar, da das Bauwerk wohl eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Berlin ist.

 

Brandenburger Tor am frühen Morgen vor Sonnenaufgang ohne Menschen

Brandenburger Tor am frühen Morgen vor Sonnenaufgang ohne Menschen

 

Ganz anders die Situation am Abend vorher, trotz Regenwetter war dort einiges los (nur eine Handy-Aufnahme, da es sich nicht lohnte die Kamera auszupacken)

 

Brandenburger Tor abends mit Menschen, Handyaufnahme

Brandenburger Tor abends mit Menschen, Handyaufnahme

 

Einen Graufilter verwenden

Sich bewegende Menschen, Fahrradfahrer, Autos etc. können Sie mit Hilfe eines Graufilters aus Ihrer Aufnahme verbannen. Ein Graufilter wird an die Vorderseite des Objektivs geschraubt und ist eine stark getönte Glasscheibe, die einen Teil des einfallenden Lichtes schluckt, das durch das Objektiv auf den Sensor in der Kamera trifft.

Es gibt sie entweder als Schraubfilter zum direkten Aufschrauben auf das Objektiv-Gewinde oder als quadratische Glasscheiben zur Verwendung in einem Steckfilter-System (z.B. von LEE, Haida etc.). Die Filter sind in unterschiedlichen Stärken erhältlich und mehr oder weniger lichtdurchlässig. Die gebräuchlichsten sind ein ND1.8 (64x) Filter, der 6 Blendenstufen schluckt oder ein ND3.0 (1000x) Filter, der 10 Blendenstufen schluckt.

 

Schraub- und Steckfilter

Schraub- und Steckfilter

 

Durch den reduzierten Lichteinfall muss die Kamera nun länger belichten, um ein Bild mit derselben Helligkeit wie ohne Filter zu erhalten. Die Länge der benötigten Belichtungszeit kann abhängig vom verwendeten Filter auf mehrere Minuten verlängert werden. Wie lange sie sein muss, kann vor Ort anhand dieser Tabelle ermittelt werden (leichte Abweichungen sind möglich, da die Tönung der Filter minimal schwanken kann).

 

Tabelle mit Belichtungszeiten

Tabelle mit Belichtungszeiten bei Verwendung von drei häufig verwendeten Graufiltern

 

Die lange Belichtungszeit führt dazu, dass sich bewegende Menschen und Objekte nicht mehr scharf abgebildet werden. Mit zunehmender Belichtungszeit verwischen sie mehr und mehr, bis sie schließlich ganz aus der Aufnahme verschwinden, wenn die Belichtungsdauer lang genug ist. Ein Richtwert lässt sich nur sehr schwer bestimmen, da die benötigte Belichtungszeit auch von der Geschwindigkeit des sich bewegenden Objektes abhängt. Je schneller das Objekt, desto kürzer kann sie sein.

In der Regel reicht eine Zeit zwischen einer und drei Minuten aus, am besten kontrollieren Sie das Foto unmittelbar nach der Aufnahme am Kameradisplay ob noch Schatten zu sehen sind oder ob Sie ggfs. noch länger belichten müssen.

 

Welchen Filter verwenden Sie wann am besten?

ND0.9 (8x): während der blauen Stunde
ND1.8 (64x): in den frühen Morgen- und Abendstunden
ND3.0 (1000x): tagsüber wenn viel Licht vorhanden ist

Aufgrund der langen Belichtungszeit sollten Sie zwingend ein Stativ verwenden damit Ihre Bilder nicht verwackeln.

Achten Sie vor allem während der blauen Stunde darauf, ob sich Autos, Fahrradfahrer, Boote, Flugzeuge etc. im Bildausschnitt befinden. Haben diese Ihre Beleuchtung eingeschaltet, finden Sie sie später in Form von langgezogenen Lichtstreifen in Ihrer Aufnahme wieder. Das kann unter Umständen ein netter Nebeneffekt sein, vor allem wenn er bewusst eingesetzt wird (z.B. als Führungslinie zum Motiv hin). Es kann aber auch sehr stören und zu stark vom eigentlichen Motiv ablenken.

An windigen Tagen sollten Sie zusätzlich darauf achten, ob es Objekte gibt, die sich mit dem Wind bewegen (z.B. Blätter an Bäumen, Äste, Fahnen, etc.). Sie werden durch die längere Belichtungszeit nicht mehr scharf abgebildet sondern erscheinen verschwommen und unscharf.

Vorsicht bei der Verwendung von Graufiltern bei (Ultra-)Weitwinkelaufnahmen – hier kann es zu starken Vignettierungen in den Ecken kommen.

 

Eine Aufnahme-Serie anfertigen

Fertigen Sie von Ihrem Motiv mehrere Aufnahmen mit derselben Einstellung an. Verwenden Sie hierfür ein Stativ und benutzen den manuellen Modus Ihrer Kamera, um eine feste Blende und Verschlusszeit einzustellen. Wichtig ist, dass die Aufnahmen deckungsgleich sind und denselben Fokuspunkt haben. Auch der Weißabgleich sollte gleich sein; wenn Sie im RAW Format fotografieren, kann er bei der Entwicklung noch angeglichen werden.

Als Beispiel soll die folgende Aufnahmeserie vom Rheinufer in Düsseldorf dienen. Auf der Rheinuferpromenade ist ständig viel los, so dass es schier unmöglich ist, durch bloßes Abwarten ein Bild ohne Menschen zu bekommen.

Die Menschen, die sich hier durch das Bild bewegen, befinden sich nun in jeder Aufnahme an einer anderen Stelle. Für die folgenden zwei Möglichkeiten benötigen Sie ein Programm wie z.B. Photoshop, um die Aufnahmen zu bearbeiten.

 

Stapelmodus „Median“ in Photoshop

Dies ist eine automatische Methode um Menschen aus einer Aufnahme zu verbannen. Etwa drei bis fünf Aufnahmen sind notwendig, wichtig ist auch hier, dass sich die Personen an möglichst unterschiedlichen Positionen im Bild befinden.

An diesem einfachen Beispiel sehen Sie wie es funktioniert:

1. Öffnen Sie alle Bilder in Photoshop:

Stapelmodus „Median“ in Photoshop Bild 1

Erstes Beispielbild

 

Stapelmodus „Median“ in Photoshop Bild 2

Zweites Beispielbild

 

Median in Photoshop, drittes Beispielbild

Drittes Beispielbild

 

Sie sehen, es befinden sich an mehreren unterschiedlichen Stellen Personen, mal im Vordergrund, mal im Hintergrund.

 

2. Kopieren Sie die Bilddateien nun in eine Photoshop Datei, so dass Sie mehrere Ebenen haben:

 

Median in Photoshop, 4. Beispielbild

Kopieren aller drei Aufnahmen in eine Photoshop Datei

 

3. Markieren Sie alle Ebenen und wählen Sie im Menü unter Ebene

→ Smartobjekte
→ in Smartobjekte konvertieren

Median in Photoshop, Erstellen eines Smartobjekts

Erstellen eines Smartobjekts

 

Es werden nun alle Ebenen in ein einzelnes Smartobjekt konvertiert (in der Miniaturansicht in der rechten Spalte an dem kleinen Symbol unten rechts zu erkennen. Zur Verdeutlichung erfolgte die Benennung manuell):

 

Median in Photoshop, Ebenen in Smartobjekte konvertieren

Alle drei Ebenen wurden in ein Smartobjekt konvertiert

 

4. Wählen Sie nun im Menü Ebene

→  Smartobjekte
→ Stapelmodus
→ Median

Median in Photoshop, Stapelmodus

Anwendung des Stapelmodus „Median“]

 

Mit dieser Funktion verrechnet Photoshop die Pixel aller Ebenen, die am häufigsten vorkommen. Das führt dazu, dass die Personen herausgerechnet werden, da sie sich an unterschiedlichen Positionen in den einzelnen Aufnahmen befinden und so mehr Pixel aus den Ebenen zur Verfügung stehen, in denen keine Personen sind.

 

Das Ergebnis nach Ausführung der Funktion sieht so aus:

Median in Photoshop, Verrechnung durch Stapelmodus

Ergebnis nach der Verrechnung durch den Stapelmodus „Median“

 

Alle Personen sind nun verschwunden, sie wurden von Photoshop herausgerechnet. Möchten Sie nun weitere Bearbeitungen vornehmen (z.B. mit dem Reparaturpinsel) muss das Smartobjekt gerastert werden, diese Funktion finden Sie unter Ebene  →  Smartobjekte  →  Rastern
Am besten kopieren Sie das Smartobjekt vorher mit Strg + J und rastern die kopierte Ebene, damit das ursprüngliche Smartobjekt erhalten bleibt.

Nun können, falls notwendig, weitere Bearbeitungen wie gewohnt erfolgen.

Diese Methode ist etwas aufwändiger, funktioniert jedoch sehr zuverlässig, wenn die Personen sich an verschiedenen Stellen befinden. Ein großer Nachteil ist, dass Wolken am Himmel, sofern sie sich leicht bewegen und von Aufnahme zu Aufnahme weitergezogen sind, ebenfalls miteinander verrechnet werden. So können unnatürlich wirkende Verläufe am Himmel entstehen (wie auch in dieser Beispielaufnahme).
Zwar kann der Himmel anschließend wieder über eine Ebenen-Maske aus einer darunterliegenden Ebene zurückgeholt werden (hierfür eine Aufnahme aus der Serie nochmal als neue Ebene darunter anlegen), aber das macht die Sache nur leider noch aufwändiger.

Probieren Sie es einfach mal aus, wenn Sie eine entsprechende Aufnahme-Serie haben. Falls das Ergebnis nicht zufriedenstellend ist, gibt es noch die im nächsten Abschnitt folgende Möglichkeit.

 

Manuelles Maskieren in Photoshop

Für diese Methode benötigen Sie ebenfalls deckungsgleiche Bilder, die Sie in einer Photoshop Datei in mehreren Ebenen öffnen. Die drei Beispielbilder aus dem letzten Abschnitt werden nun auch hier verwendet.

Legen Sie für jede Ebene eine Maske an, entweder über das Menü Ebene  → Ebenenmaske  →  alle einblenden oder über das Maskensymbol unten rechts

Maskieren in Photoshop, Erstellen von Ebenenmasken

Erstellen von Ebenenmasken

 

Wählen Sie das Pinselwerkzeug (Farbe: schwarz) und stellen Sie die benötigte Größe ein. Sie können nun in der Maske die Bereiche mit dem Pinsel entsprechend maskieren, so dass die Bereiche der unteren Ebene sichtbar werden, an denen sich keine Menschen befinden.

 

Maskieren in Photoshop mit dem Pinselwerkzeug

Maskieren mit dem Pinselwerkzeug

 

Achten Sie darauf, die Schatten der Personen ebenfalls zu maskieren, auch bei bewölktem Himmel kann es leichte Schatten geben, vor allem wenn die Personen groß sind (in diesem Beispiel beim Pärchen im Vordergrund).

Diese Methode ist vor allem sehr gut anzuwenden, wenn sich nur wenige Menschen im Bild befinden. Ein Vorteil ist in diesem Fall, dass die Wolken am Himmel aus einer Aufnahme stammen (nämlich aus der Aufnahme in der obersten sichtbaren Ebene), und die Pixel werden nicht wie im Stapelmodus Median aus mehreren Ebenen miteinander verrechnet.

 

Wie Sie sehen ist es durchaus möglich Fotos ohne Menschen zu bekommen. Zwar ist es mit etwas mehr Aufwand und Geduld verbunden, doch wenn Sie als Ergebnis ein perfektes Bild erhalten, ist es jede Mühe wert. Viel Spaß und Erfolg beim Ausprobieren!